Das Steinforter Phenolwerk und die Umweltprobleme an der Eisch

Quelle nos Cahiers Kanton Capellen 3/4    2003

Autor:  NICOLE NEYENS

Das Steinforter Phenolwerk und die Umweltprobleme an der Eisch

Einleitung

Während der 50er und 60er Jahre befand sich in der Ortschaft Steinfort auf dem Gelände des ehemaligen Walzwerkes, dem heutigen Gelände der Textilcord, ein chemisches Werk zur industriellen Herstellung von Phenol. Die Natur in der näheren Umgebung, und insbesondere die Eisch, die bis dahin ein sehr fischreiches Gewässer war, hatten in dieser Zeit sehr stark unter den Industrie-Aktivitäten zu leiden.

In der fraglichen Zeit ereigneten sich mehrere Unfälle. So sind z.B. größere Mengen gefährlicher Industrieabwässer ausgelaufen und haben das Industriegelände, dessen Umgebung sowie die Eisch in erheblichem Mafie verseucht. Eine direkte und indirekte Verseuchung des Geländes, der Umgebung sowie der Eisch entstand ebenfalls durch das unsachgemässe Lagern von lndustrieabfällen, den fahrlässigen Umgang mit Chemikalien und durch Installationen, die nicht den Vorschriften entsprachen. Umweltgefährdende Substanzen drangen in den Boden ein und wurden mit dem Regenwasser in den Untergrund verschleppt, von wo aus sie sich langsam Richtung Eisch ausbreiteten, Dies bewirkte einerseits eine chronische Verseuchung der Eisch und andererseits stieg die Gefahr einer Verunreinigung der Grundwasserreserven des Luxemburger Sandsteins, dem eine große Bedeutung als nationaler Trinkwasserspeicher zukommt.

Die Geschichte des Phenolwerks

Am 28. März 1945 wurde die Steinforter Eisenhütte durch ihren damaligen Besitzer, die Firma Angleur-Athus, an die belgische Industriegesellschaft John Cockerill aus Seraing (B) veräußert. Der neue Eigentümer beabsichtigte, auf dem Standort ein Phenolwerk unter Beibehaltung des bisherigen Namens S.A. des Hauts Fourneaux et Aciéries zu errichten. An den bestehenden Firmennamen wurde lediglich der Zusatz Divísion Chimique angefügt.

 Am 15. September 1947 erhielt die neue Gesellschaft S.A. des Hauts Fourneaux ef. Aciféríes - Division Chimique, die Genehmigung, auf dem ehemaligen Hüttengelände ein Phenolwerk zu errichten. Zu diesem Zweck wurden umfassende Umbau Maßnahmen durchgeführt: so wurden z.B. die Hallen des früheren Stahlwerkes umgebaut, zahlreiche unterirdische Kanäle und Rohrleitungen neu angelegt und mächtige Kessel herbeigeschafft.

Als erstes Erzeugnis sollte in den neuen Installationen Phenol hergestellt werden,und in einer weiteren Phase war geplant, Derivate des Phenols sowie Natriumsulfat zu produzieren. Während der gesamten Produktionsdauer ereigneten sich immer wieder Unfälle, in deren Folge die Eisch beträchtlich verunreinigt und geschädigt wurde,

Bereits am 31. .Juli 1958, also nur ein Jahrzehnt nach Produktionsbeginn, wurde die gesamte Belegschaft des Phenolwerkes wegen Unrentabilität entlassen.

Hauptursache für die Schließung war, dass das Steinforter Phenol nach einem altmodischen, teuren und abfallreichen Verfahren hergestellt wurde. Auch hatte man Schwierigkeiten, Abnehmer für das produzierte Phenol zu finden.

Nach im selben .Jahre gelang es der Gemeínde Steinfort, mit Hilfe der Luxemburger Regierung, das lndustriegelände mit den bestehenden lnstallationen in Gemeindebesitz Zu bringen, Schnell war ein neuer Interessent gefunden, und bereits am 1. Juli 1959 nahmen die Lowi-Werke aus Waldkraiburg (Oberbayern) den Betrieb im Steinforter Werk Wieder auf. Die vorgesehene Pachtdauer lief bis zum 31, Dezember 1969, Der neue Pächter ließ die bestehenden Hallen umbauen und führte andere, modernere Arbeitsverfahren ein. Das vorläufige Hauptprodukt sollte wieder Phenol sein, und nach einer Anlaufperiode wollten die Lowi-Werke die Produktionspalette stetig erweitern.

Durch die neuen, moderneren Produktionsverfahren sollte die Gefahr einer Vergiftung der Eisch gemindert werden. Nichtsdestotrotz ereignete sich im Jahre 1961 ein weiterer Unfall, und die Eisch wurde aufs neue verunreinigt.

Bereits im Jahre 1960 wurden die Lowi-Werke in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, und nach deren Fusion mit den deutschen Albert-Werken aus Wiesbaden am 31. Juli 1961 erlebte die Sociéte' Chimique de Steinfort einen kurzfristigen Aufschwung. Doch auch unter der neuen Direktion wurde im Dezember des Jahres 1962 die Eisch erneut durch das Phenolwerk verseucht.

Nach nur 6 Jahren, bereits am 30. Juni 1964, schlossen sich zum zweiten Mal innerhalb von nur 20 Jahren die Türe eines Unternehmens. das der Konkurrenz amerikanischer Firmen nicht gewachsen war, Da die Gesellschaft ihre Verpflichtungen, die sie laut Vertrag mit der Gemeindeverwaltung bei der Übernahme des Werkes eingegangen war, nicht eingehalten hatte, fielen sämtliche lnstallationen sowie das Gelände in das Eigentum der Gemeinde.

Das Phenolwerk und seine Gefahren für die Natur

Auf dem Gelände des Phenolwerkes, das in einer Entfernung von nur 200-300 Meter zur Eisch auf einem höher gelegenen Plateau lag, befanden sich umfangreiche lnstallationen wie Gebäude, Hallen, mächtige Kessel, Tanks, Rohrleitungen und Schienen. Unterhalb des lndustriegeländes, direkt an der Eisch, waren eine Pumpstation und ein Rückhaltebecken angeschlossen.

Zum Betrieb des Phenolwerkes, d.h. zur Kühlung und Reinigung der lnstallationen, wurden große Mengen an Wasser benötigt, welche mittels der Pumpstation aus der Eisch entnommen wurden. Das entsprechende Rohrsystem war in einen Tunnel verlegt. Dieses diente ebenfalls dazu, das sich auf dem lndustriegelände ansammelnde Regen« und Waschwasser in das neben der Eisch gelegene Rückhaltebecken zu leiten. Das überschüssige Wasser des Rückhaltebeckens wurde anschliessend in die Eisch geleitet. Der Tunnel und das Rückhaltebecken bestehen noch bis heute, während das Pumpwerk zerstört wurde.

Zur Herstellung von Phenol wurden Benzol, Schwefelsäure und Natriumhydroxid benötigt. Beim Verarbeiten der Chemikalien entstanden nach mehreren Reaktionsphasen Rohphenol und sulfathaltiges Abwasser. Bevor das Rohphenol in den Handel kommen konnte, musste es durch Destillation gereinigt werden.

 

 Um die Gebäude des Phenolwerks herum wurden die Chemikalien in Tanks gelagert. Einige Tanks leckten, so dass die darin gelagerten Chemíkalien langsam in den Untergrund sickerten. Die bei der Reinigung des Rohphenols anfallenden Destillationsrückstände wurden in Fässer eingefüllt, die anschließend um die Betriebsgebäudc herum gelagert wurden.

Das Stark mit; Phenolen und Sulfiten verunreinigte, sulfathaltige lndustrieabwasser wurde während der ersten Produktionszeitverdampft, Das hierbei gewonnene Salz wurde in Form von Glaubersalz (Natriumsulfat) in den Handel gebracht. Die Verdampfung wurde jedoch schon nach kurzer Zeit eingestellt. da man wegen ungenügender Reinheit des Salzes keinen Abnehmer mehr fand. Sn wurde fortan das industrielle  Abwasser zur Endlagerung auf dem Gelände, direkt neben den industriellen Anlagen, in ein künstlich angelegtes Kristallisationsbecken geleitet.

Diese Weise der Entsorgung stellte keine besonders umweltfreundliche Lösung dar, da das sulfathaltige industrielle Abwasser sehr hohe Konzentrationen an Phenolen und Sulfiten enthielt, welche dem Abwasser einen aggressiven Charakter verliehen. Die Sulfite sind bestrebt, zu Sulfaten zu oxidieren, wozu sie ihrer Umgebung den Sauerstoff entziehen. Im Wasser führte dieser Sauerstoffentzug letztlich zum Erstickungstod der Fische und anderer Lebewesen, Das enthaltene Phenol wirkt als Gift auf die Kiemen der Fische und zerstört diese.

Die geologische Lage des Phenulwerkes auf dem Luxemburger Sandstein,der als Grundwasserleiter mit guter Porendurchlässigkeit bekannt ist, begünstigte ein

leichtes Eindringen der Schadstoffe in den Untergrund. Die umweltschädlichen Abwässer flossen unterirdisch ab, so dass die Eisch und auch das anstehende Grundwasser gefährdet waren.

Die abwasserrelevanten lnstallationen des Phenolwerks

Die Kristallisationsbecken

Die Abwässer wurden in einem künstlich angelegten, etwa l Hektar grossen Kristallisationsbecken auf dem Gelände des Phenolwerks gelagert. Der Damm des Beckens bestand lediglich aus aufgeschütteter Erde und Sand und war weder zu den Seiten noch nach unten hin abgedichtet. Die Abwässer konnten somit ungehindert in den Untergrund den Luxemburger Sandstein versickern.

Nachdem der Damm des Kristallisationsbeckens im Jahre 1957 gebrochen war, bekam das Cockerill-Werk strengere Auflagen, und so mussten Umänderungen, besonders am Kristallisationsbecken, durchgeführt werden. Es musste unverzüglich ein neues, dichtes und stabiles Kristallisationsbecken errichtet werden.

Nach dem Bau des ersten neuen Beckens wurde das alte Becken abgetragen und an dessen Stelle ein zweites, dichtes Becken errichtet.

Im .Juli des Jahres l958 hatte man noch immer nicht mit dem Bau des ersten

neuen Kristallisationsbeckens begonnen, und am bestehenden, undichten Kristallisationsbecken waren keine Veränderungen vorgenommen worden. Unten dessen halte das Cockerill-Werk jedoch damit begonnen, die  Abwässer in einem alten Steinbruch, der Teil des Geländes war, zwischenzulagern. Auch dieses zweite Becken war nicht abgedichtet worden, Das umweltschädliche Abwasser konnte weiterhin ungehindert durch den Sandstein in den Untergrund eindringen, so dass das Gelände mit phenol- und sulfithaltigem Abwasser regelrecht getränkt war.

Zwei Gefahren bestanden infolge der Ablagerungen in den Kristallisationsbekken: einerseits die Kontamination des Grundwassers im Luxemburger Sandstein, das einen Grossteil der Trinkwasserversorgung sichert, und andererseits die Verschmutzung der Oberflächengewässer, also der Eisch. Auch wurde verunreinigtes unterirdisches Wasser teilweise durch bestehende Rohrleitungen in Richtung Bach dräniert und trat vielerorts über die Ufer. Die beiden undichten KristalIisationsbecken_ die beträchtliche Ausmaße hatten, wurden weiterhin zur Lagerung flüssiger Produktionsabfälle benutzt und stellten eine für heutige Verhältnisse unvorstellbare Kontaminationsquelle dar. Durch die Niederschläge wurde das auskristallisierte Material immer wieder durchspült, und die gelösten umweltschädlichen Substanzen wurden zusammen mit dem Regenwasser in den Untergrund verschleppt.

Nach der endgültigen Schließung des Phenolwerkes im Jahre 1964 wurden die in den beiden Kristallisationsbecken enthaltenen Glaubersalzmengen entsorgt.

Das künstlich angelegte, 1 Hektar große erste Becken wurde abgetragen und die kontaminierten Boden- und Sandmassen des Dammes wurden im Steinbruch, dem zweiten Kristallisationsbecken, endgelagert.

Der Bau eines Versickerungsbrunnens

1956 plante das Cockerill-Werk den Bau eines Versickerungsbunnens. Dieser sollte das gefährliche Abwasser, das bis dato in einem künstlichen Kristallisationsbecken gelagert wurde, in den Untergrund einleiten. Um einen Wiederaustritt und somit eine Beeinträchtigung der Trinkwasserquellen und Wasserläufe der Umgebung zu verhindern, wurde die erforderliche Tiefe des Brunnens damals auf 150 bis 200 Meter geschätzt.

Man ging davon aus, dass die geologischen Schichten dieser Tiefe, in die das Abwasser eingeleitet werden sollte, nicht mit der trinkwasserleitenden Schicht des Luxemburger Sandsteins in Verbindung stünde. Dennoch wurde auf den Bau des Versickerungsbrunnens verzichtet, da man zur Schlussfolgerung kam, es sei ein zu gefährliches Unternehmen mit zu vielen unbekannten Größen.

Wäre beim Bau oder beim späteren Betrieb ein Fehler unterlaufen. so wäre es unmöglich gewesen, diesen rechtzeitig zu erkennen und die Installation stillzulegen. Die Abfalle, die so ..entsorgt" werden sollten, hätten sich jeglicher Kontrolle entzogen und im Falle eines Unfalls, der bei den vorherrschenden Betriebsbedingungen jederzeit möglich gewesen wäre, hätten irreversible Schäden des Grund~ und des Oberflächenwassers nicht vermieden werden können.

Wegen des eminenten Risikos, die Trinkwasserreserven des Landes auf unbestimmte Zeit hin ungenießbar zu machen, wurde der Versickerungsbrunnen nie verwirklicht, und die industriellen Abwässer wurden weiterhin in den Kristallisationsbecken gelagert.

Das Rückhaltebecken

Das Rückhaltebecken, das auch heute noch zu sehen ist, befindet sich in unmittelbarer Nähe der heutigen kommunalen Kläranlage. Die industriellen Abwässer und das sich auf dem Industriegelände ansammelnde Regenwasser wurden durch ein unterirdisch verlaufendes Rohrsystem vom Werk aus in das Rückhaltebecken neben der Eisch geleitet.

Von Zeit zu Zeit musste das Rückhaltebecken gereinigt werden, was jedoch ein erhebliches Problem darstellte. Die Entleerung erfolgte auf recht primitive Art und Weise. Arbeiter des Phenolwerkes leerten das Becken mit Eimern. Die zähe, schwarze Flüssigkeit, die stark nach Phenol roch, wurde einfach neben das Rückhaltebeckcn auf den unbefestigten Boden entleert. Sie konnte S0 ungehindert in den Boden eindringen und unterirdisch in Richtung Eisch fliessen oder bei starken Regenfällen direkt oberirdisch in Richtung Eisch weggespült werden.

Dieses Verfahren, sich seiner Abfälle zu entledigen, war natürlich wieder eine Gefahr für die Eisch und für das Grundwasser,

Chronik der unfallbedingten Verschmutzungen der Eísch

1948

-Am 26. März 1948 lag ein übler, saurer Geruch über der Eisch Kurze Zeit später trieben dann verendete Fische auf dem Wasser, und es wurden große Mengen toter Bachforellen, Rotaugen. Hechte und Aale aus dem Wasser gefischt. Sogar Hühner, die von dem Eischwasser getrunken hatten, gingen kurze Zeit später ein.

Die Verschmutzungswelle, die sich mit der Eisch fortbewegte, wurde bis oberhalb

von Septfontaines, in der Nähe der dortigen Pumpstation, festgestellt.

Sofort kam das Gerücht auf, dass nur das Cockerill-Werk in Steinfort als Verursacher in Frage käme. Um den wahren Grund des Fischsterbens festzustellen, wurde eine Untersuchung der Eisch durchgeführt. ln diesem Zusammenhang wurde ebenfalls das Cockerill-Werk besichtigt. Die damaligen Untersuchungen ergaben jedoch nicht die genaue Ursache des Fischsterbens, Die Installationen der Fabrik zeigten keinerlei Lecks und alles funktionierte normal. Es konnte

nicht genau festgestellt werden, durch welche Substanz die Fische starben, und also auch nicht, ob es sich um ein ätzendes Produkt des Phenolwerkes handelte.

Vorn 28. Mai bis zum 3. Juni 1948 wurde erneut ein Fischsterben in der Eisch beobachtet. Sämtliche aquatische Flora und Fauna im Bach zwischen Steinfort und Mersch war total zerstört worden, Diesmal konnte der Verursacher des Fischsterbens eindeutig festgestellt werden: es war das Steinforter Cockerill-Werk. Dieses stritt jedoch das Vorhandensein von Phenol in der Eisch, und somit seine Verantwortung, ab.

Die Eisch war bis nach Mersch, d.h. auf einer Strecke von 42 Kilometern. verseucht. Die Kontaminationswelle zog ebenfalls die Alzette hinunter. Die Auswirkungen der Verschmutzung durch das Cockerill-Werk Waren bis nach Colmar-Berg festzustellen

1956

-Am 6. Februar 1956 wurde das nächste Fischsterben in der Eisch beobachtet.

Bei Untersuchungen wurde festgestellt, dass unterhalb des Rückhaltebeckens, auf einer Länge von etwa 150 Metern, eine braune Flüssigkeit aus dem rechten Bachufer heraussickerte. Anhand der durchgeführten Untersuchungen wurden Phenole uncl erhöhte Konzentralionen an Sulfaten in der Eisch gefunden. Es wurde angenommen, dass die unbekannte Flüssigkeit aus dem Phenolwerk herstammte.

Ein solch spektakuläres Massensterben der Fische, wie es im Jahre 1948 eingetreten war, konnte dieses Mal nicht beobachtet werden, da es sich um eine latente Vergiftung handelte. Dennoch wurde die gesamte junge Brut dieses Jahres vernichtet. Die in der Eisch so zahlreich wieder anzutreffenden Forellen konnten sich, da die Verseuchung nur langsam weiterschritt, stromabwärts zurückziehen, Tote Fische anderer Arten waren jedoch zu beklagen, Außer einigen Elritzen war bis nach Hobscheid der gesamte Fischbestand verschwunden

1957

-Am 7. August 1957 ereignete sich der bis dahin größte Unfall, als der Damm des etwa 'l Hektar großen Kristallisationsbeckens brach. Etwa '10 O00 m3 lndustrieabwasser liefen aus dem Becken und verteilten sich auf dem lndustriegelände und in dessen Umgebung. Das Abwasser bahnte sich unter dem Eisenbahndamm hindurch seinen Weg zur Eisch. Damals konnte man zwei Hauptflusswege des ausgetretenen Abwassers feststellen:

 Ein erster Teil des Abwassers folgte dem Lauf der Eisenbahn, floss unter der Eisenbahnbrücke hindurch, um sich anschließend, etwa 100 m oberhalb der Pumpstation. in die Eisch zu ergießen (Punkt A). Da durch die Abwässer die Schienen angegriffen worden waren, musste der Bahnverkehr zeitweilig eingestellt werden.

- Die restliche Menge der entwichenen Flüssigkeit floss entlang des Steinbruchs, bevor sie an Stelle B in die Eisch gelangte. Ein Teil dieser Menge floss seitwärts ab und folgte einem alten Kanalisationsrohr, welches parallel zur Eisch liegt.

Nach einer Strecke von ungefähr 240 m floss die Flüssigkeit dann an Stelle C in den Bach.

Das aggressive Abwasser kontaminierte die gesamte Umgegencl. Der Boden war

von weißem, schaumigem Schlamm bedeckt und die Flora wurde weitestgehend zerstört. Man konnte sofort erkennen, dass der durch diesen Unfall angerichtete Schaden sehr bedeutend war. Nach allgemeiner Überzeugung handelte es sich hier um den bedeutendsten Unfall in der Geschichte des Phenolwerks. In der Eisch wurde diesmal eine Konzentration von ,,nur“ 10 mg Phenol pro Liter Wasser (letale Dosis für Fische: 5 mg'l) festgestellt. Diese Konzentration entsprach jedoch nur etwa einem Fünftel derjenigen von 1948,

In grossen Mengen trieben tote Fische wie z.B. Hechte, Forellen, Elritzen und Rotaugen auf der Eisch, Es war deutlich zu sehen, dass die Kiemen durch das Gift angegriffen worden waren, so dass der Tod durch Ersticken eintrat. Für sonstige Lebewesen dürfte die Gefahr geringer gewesen sein, da der salzige Geschmack des Wassers sie ohnehin vom Trinken abhielt Der Mensch tat gut daran. ebenfalls das Wasser zu meiden und das Baden zu unterlassen.

1961

-Am 17. Januar 1961 wurde erneut ein Fischsterben in der Eisch zwischen Eischen und Reckange/Mersch beobachtet. Die ersten toten Fische wurden an der Brücke in Reckange/Mersch und dann an der Brücke beim Hunnebour gesichtet. Am Wasserwerk in Dondelange wurden ebenfalls ein halbes Dutzend tote Fische entdeckt. An der restlichen Strecke bis hinauf nach Eischen waren überall tote Fische zu beobachten.

Um den chemischen Charakter der Verseuchung festzustellen, wurden die Um-

gebung des Chemiewerkes und die Eisch aufs Genaueste untersucht. Es stellte sich heraus, dass im Albert-Werk ein massives, aber in der Zeit begrenztes Auslaufen von industriellem Abwasser stattgefunden haben musste.

1962

-Am 5. Dezember des Jahres 1962 wurde das nächste Fischsterben in der Eisch beobachtet. Erst nach der Pumpstation verlor die Verschmutzungswelle ihre Giftigkeit. Anhand von Untersuchungen konnte der Verursacher ermittelt werden; es handelte sich erneut um die Albert-Werke in Steinfort. Auch dieses Mal wurde ein massives Auslaufen von Industrieabwasser als Ursache ídentifiziert.

Auswirkungen des Phenols auf die Bevölkerung

Ende der 5Oer Jahren gewann die Eisch während der Trockenperioden an Bedeutung für die Trinkwasserversorgung. immer größere Mengen Wasser mussten der Eisch entnommen werden, um den steigenden Bedarf einigermaßen zu decken. So bestanden besonders im Sommer des .Jahres 1961 Versorgungsengpässe, und es wurde direkt Eischwasser zur Trinkwasserversorgung herangezogen. Wegen des niedrigen Wasserstandes gab es kein Verdünnungseffekt mehr, und die im Eischwasser enthaltenen Phenole wirkten sich sehr ungünstig auf die Trinkwasserqualität aus.

Die Trinkwasseraufbereitung wurde vor große Schwierigkeiten gestellt. Nach einer Schnellfitration wurde das Wasser chloriert, Wobei jedoch Chlorphenolverbindungen entstanden, welche durch einen abscheulichen Geschmack charakterisiert sind. Durch die direkte Entnahme aus der Eisch wurden also große Teile des Südens mit chlor-- und phenolhaltigem Trinkwasser beliefert. Die Beschwerden blieben natürlich nicht aus. (Im das Problem zu lösen und eine solche Situation in Zukunft zu vermeiden, errichtete das Dondelinger Wasserwerk einen großen Aktivkohlefilter, der dazu dienen sollte, phenolhaltiges Wasser zu behandeln.

Die Entsorgung des Glaubersalzes nach der Schließung

Nachdem die Albert-Werke ihre Aktivitäten in Steinfort beendet hatten, wollte sich die amerikanische Firma U.S. Rubber auf dem lndustriegelände niederlassen.

Die Neugestaltung des Geländes stellte die Verantwortlichen jedoch vor eine Reihe von Problemen, was insbesondere mit den enormen Massen an Industrieabfälle in Form von Natriumsulfat, das sich noch immer in den beiden Kristaliniert, und dies ebenfalls, wenn sich gerade kein Unfall im Phenolwerk ereignet hatte. Die variablen Konzentrationen an umweltrelevanten Substanzen wirkten sich vernichtend auf das biologische Leben des Baches aus. Der Fischbestand zwischen Steinfort und Hobscheid hatte im Laufe der Jahre drastisch abgenommen und konnte sich zwischen den einzelnen Unfällen nur teilweise erholen.

Mit der Schließung des Phenolwerkes im Laufe des Jahres 1964 konnte eine Verbesserung der Wasserqualität festgestellt werden. Der Bach erholte sich langsam aber stetig von den Folgen der lndustrialisierung. Schon nach wenigen Monaten stellte man fest, dass die Phenolverbindungen nachweisbar abgenommen hatten. Erhöhte Konzentrationen an Phenolen wurden hauptsächlich noch direkt im Rückhaltebecken und am Auslauf desselben gemessen. Es musste jedoch damit gerechnet werden, dass noch einige Jahre vergehen würden, bis auch die letzten Kontaminationen durch den Regen ausgewaschen wären und man keine Restkontamination der Eisch mehr feststeilen könnte. Ab 1980 wurden keine Phenolanalysen mehr auf den Proben des Eíschwassers durchgeführt, da Zuvor nur noch sporadisch Phenole nachgewiesen worden waren.

Gelände und Umgebung heute

Heute ist die Eisch wieder ein fischreiches Gewässer und die Vegetation auf dem ehemaligen lndustriegelände und der Umgebung hat sich, dank des limitierten Eingreifens des Menschen, wieder relativ artenreich ausgebildeï. An der Stelle des ehemaligen 1 Hektar großen Kristallisationsbeckens befindet sich heute ein junger Mischwaid mit Birken und Nadelbäumen. unterhalb dieses Kristallisationsbeckens wurde ein Naturschutzgebiet ausgewiesen, das mit seinen Tümpeln einer Vielzahl von Pflanzen und Tieren eine Heimat gibt,

Man muss jedoch davon ausgehen, dass die durch das Phenolwerk entstandene Verseuchung des Untergrundes noch nicht restlos verschwunden ist. Es muss weiterhin damit gerechnet werden, dass in sehr regenreichen Zeiten auch heute noch die Möglichkeit. besteht, dass geringe Konzentrationen an umweltrelevanten Steffen ausgewaschen werden. Diese stellen jedoch kaum eine Gefahr für die Flora und Fauna der Umgebung dar.

Siehe auch:      1948 im Luxemburger Wort: Folgenschwerer Frevel im Tal der 7 Schlösser

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